Die neue Serie “Thesen zum Handlungsbedarf in der Gesundheitspolitik” im LOHMANNblog greift bis zur Bundestagswahl 2021 relevante Themen auf. Unsere 4. Folge: Digitalisierung: Die analoge Zettelwirtschaft kostet Menschenleben. Dr. Andreas Meusch

Dr. Andreas Meusch
  • Die nächste große Revolution in der Medizin wird nicht durch neue therapeutische oder diagnostische Maßnahmen geprägt sein, sondern durch eine sinnvolle Zusammenführung und Analyse von Gesundheitsdaten, um sogenannte Datensilos zu überwinden. Die Frage ist, welchen Anteil Deutschland daran haben wird. Und da besteht wenig Anlass zu Optimismus. Im Gegensatz zu unseren Nachbarländern legen wir die Europäische Datenschutzgrundverordnung sehr restriktiv aus und konservieren Datensilos, wo eine datenschutzkonforme Nutzung der Daten das Gebot der Stunde wäre. Den Weg weist der Sachverständigenrat Gesundheit, der in seinem Gutachten „Digitalisierung für Gesundheit“ feststellt: „ Es gilt, Datenschutz im Gesundheitswesen als Teil von Lebens- und Gesundheitsschutz auszugestalten, nicht als deren Gegenteil. Datenschutz muss vor allem die sichere Nutzung von Gesundheitsdaten für bessere Versorgung und Forschung ermöglichen, damit dem einzelnen Patienten und der einzelnen Patientin zielgenauer geholfen werden kann.“

  • Hier auf die Politik zu verweisen, greift zu kurz. Wir brauchen einen Kulturwandel in der Gesellschaft. Solange wir das elektronischen Rezept oder die elektronische Patientenakte reflexhaft vor allem mit Blick auf die Sicherheit der Daten diskutieren, vertun wir die Chancen – zum Beispiel die Chance auf eine schnellere und bessere Diagnose und Therapie, weil die vorhandenen Daten genutzt werden. Wir diskutieren in Deutschland, dass Entfernungen zum nächsten Krankenhaus nicht zu groß sein dürfen. Wie lange es dauert, bis die behandelnde Ärzt:in in der Notaufnahme die notwendigen Daten der Patient:in hat, findet in der öffentlichen Debatte praktisch keinen Niederschlag. Daten können Leben retten, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort verfügbar sind. Das geht nur digital. Die analoge Zettelwirtschaft im deutschen Gesundheitswesen kostet Menschenleben.

  • Wer glaubt, dass die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen hat, der irrt. Faktisch sind wir noch gar nicht losgefahren. Wir sind gerade dabei, die Voraussetzungen zu schaffen, um losfahren zu können. Richtig ist, dass die Politik in den letzten Jahren zahlreiche Voraussetzungen geschaffen hat, damit es losgehen kann und viele Unternehmen und Körperschaften inzwischen dabei sind, proaktiv die Themen elektronische Patientenakte oder elektronisches Rezept in die praktische Nutzung zu bringen. Fahrt aufnehmen wird die Digitalisierung, wenn die Infrastruktur steht, dass alle Beteiligten mit standardisierten  Schnittstellen Informationen austauschen können. Die Politik muss noch zahlreiche Entscheidungen treffen, damit die digitale Infrastruktur flächendeckend ausgerollt. Es braucht viele Innovatoren in Unternehmen und Körperschaften, die die Vorteile der Digitalisierung für die Menschen erfahrbar machen. Wir brauchen aber vor allem eine Gesellschaft, die sich mit einer positiven Grundhaltung die  Digitalisierung kritisch, aber proaktiv begleitet. Die eigentliche Arbeit liegt also noch vor uns. Es sind die Mühen wert, damit die Menschen in Deutschland auch in Zukunft auf Spitzenniveau versorgt werden.
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